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GayPoint > Coming Out > Berichte
Coming Out-Geschichten: Tim | Marco | Kerstin | Schaumi | Matthias Tim: "Mein Coming Out hat mich selbstverständlich auch Überwindung gekostet. Zuerst hab ich mich vor meiner Mutter, dann vor Freunden in der Schule und schließlich noch vor meinem Onkel und meiner Tante geoutet und bin bei allen auf Akzeptanz und Verständnis gestoßen - wobei ich hinzufügen muss, dass ich mich nur vor den Menschen geoutet habe, deren Reaktion ich auch dementsprechend abschätzen konnte. Ich bin nicht der Meinung, dass ich jedem auf die Nase binden muss, dass ich schwul bin, wer mir eine ehrliche Frage stellt, erhält auch eine ehrliche Antwort. Abschließend möchte ich sagen, dass die Hanauer Jugendgruppe für mich eine ideale Möglichkeit geboten hat, das schwule Leben kennenzulernen und viele nette Bekanntschaft zu machen." Marco: "Es ist eigentlich keine spektakuläre Geschichte... aber nun gut, ich erzähle sie euch einfach mal. Es ist eher ein dummer Zufall gewesen, dass ich mich geoutet habe. Ich dachte, ich wäre alleine zuhause und könne mal wieder mit Freunden ungestört telefonieren, nun ich setzte mich halt bequem in den Flur, machte mir eine Zigarette an und rief einen guten (schwulen) Freund von mir an... wie es halt so ist, unterhielten wir uns über Jungs, wir waren am Wochenende zuvor im Lofthouse in Frankfurt gewesen und haben uns halt über den einen oder anderen netten Typen ausgelassen, den wir dort gesehen hatten. Ja nun, wir telefonierten eine gute Stunde miteinander und es wurde auch von Zeit zu Zeit etwas 'genauer' - genauer in der Hinsicht, dass wir mal wieder eine gemeinsame Nacht zusammen verbringen könnten (Jochen und ich hatten ab und zu mal was miteinander, eine 'Wiedersehen-macht-Freunde-Affäre', so nannten wir unsere Freundschaft). So machten wir uns am Telefon halt ein wenig 'spitz' aufeinander und planten unsere gemeinsame Nacht... Kerstin: "Nach längeren Gesprächen über unsere Bisexualität entschieden mein bester Freund und ich, dass wir nun auch in aller Öffentlichkeit zu uns stehen und uns outen wollen. Sicher hatten wir anfangs Bedenken, wie unser näherer Freundeskreis reagieren würde, aber wir kamen zu dem Entschluss, dass Freunde, die einen so nehmen, wie man ist, mehr wert sind als die, die gar nicht wissen (wollen), wie man ist. So suchten wir nur noch den passenden Augenblick und Ort. Kurz nach Silvester fand sich eine passende Party und natürlich auch das passende Gegenüber ;-) Wir warteten, bis sich die Tanzfläche füllte, drängten uns in die Mitte der ahnungslosen Heten und fingen an, wie wild in allen möglichen Kombinationen zu knutschen ;-) Die Reaktionen auf unser Verhalten waren sehr lustig. Kreisförmig dehnte sich das Erstaunen der Umstehenden letztendlich bis in die hintersten Reihen aus und alle versuchten, uns mehr oder weniger unauffällig anzustarren. Ja, das war mein Coming Out... Es war nicht peinlich und nicht ungewollt, ich fühle mich seitdem besser und in meinem eigentlichen Wesen erkannter. Falls einer von Euch kurz davor steht, sich zu outen, so drücke ich ihm oder ihr beide Daumen. Und selbst, wenn ein paar eurer vermeintlichen 'Freunde' komisch gucken, es ist egal... Auf solche kann man/frau auch verzichten. Viel Glück!" Schaumi: Eine spektakuläre Coming Out - Geschichte? Nee, das ist meine sicherlich nicht. Eher das Gegenteil! Nun gut, quasi zur "Abschreckung" (*g*), will ich euch trotzdem mal kurz meine Story vorstellen. Ich gehöre zu einer Generation, in deren Jugend das Schwulsein noch ziemlich verpönt war. Ja nicht nur das, sondern sogar mit Strafe bewehrt, denn der § 175 STGB galt ja bis zu seiner endgültigen Abschaffung noch bis 1994. Ob es dieser gesellschaftliche Makel war oder die in den späten siebziger und Anfang der achtziger Jahren heraufziehende AIDS-Krise, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich lange nicht im Traum daran gedacht, dass ich schwul sein könnte. "Man(n) war ja so anständig" und hatte außerdem überhaupt keine Zeit für Sexualität oder Liebe. ICH doch nicht! Heute weiß ich, dass es eine Flucht vor mir selbst war, doch damals hätte ich mit ruhigem Gewissen schwören können, dass Sexualität und vor allem Homosexualität ein Thema für "die Anderen" war. Ich habe mich anderweitig in Arbeit gestürzt (mein aufwendiges wissenschaftliches Hobby forderte einen regelmäßigen Einsatz von mehr als 50 Wochenstunden); habe mir eine berufliche Karriere und finanziell gesicherte Zukunft aufbauen können. Aber: ich war alleine! Irgendwann so um 1997 fiel dann sogar mir auf, dass mir in meinem Leben irgend etwas fehlte. Ich war - immer noch - alleine! Damals war ich bereits über Vierzig und hatte, das weiß ich heute, unheimlich viel versäumt. Doch zunächst war ich mir ja immer noch nicht so sicher. Also ging ich - zögernd und nach zunächst schwierigen Kontaktversuchen - in "die Szene", spielte schließlich im Frankfurter Volleyballverein die schwule "Trendsportart" Volleyball (was mir heute noch großen Spaß macht und ich nur "wärmstens" empfehlen kann ;-), lernte dort mehrere mir inzwischen sehr lieb gewordene Freunde und vor allem den internationalen Flair der schwulen Szene Frankfurts kennen: von unseren Spielern haben rund drei Viertel keinen deutschen Pass! Schon das war etwas, was mich mehr als überraschte. Hatte ich durch meine berufliche Tätigkeit als Polizeibeamter und den, ich muss es leider sagen, teilweise kleinbürgerlichen "Mief" meiner Heimatstadt Hanau doch Ausländer bisher meistens nur als "Gegenüber" oder Straftäter kennen gelernt. Hier jedoch war es ganz anders: sie wurden plötzlich zu meinen Freunden. Unterhalte ich mich eben noch mit einem Brasilianer, so ist mein "bester Freund" ein Japaner und die hilfreichsten Ratschläge bekomme ich von einem ganz ganz lieben Kanadier, wobei ich einige Monate lang sogar mit einem Amerikaner aus Hawaii zusammen war. Türken, Peruaner, Chinesen, Amerikaner oder auch Italiener spielen hier völlig unproblematisch zusammen; ob schwarz, weiß oder welche Hautfarbe auch immer: alle sind willkommen. Weiterhin nahm ich in diesen Jahren Kontakt zu einer Gruppe gleichgeschlechtlich lebender Kolleg/Innen in Frankfurt auf und konnte mich dort nicht nur auf dem CSD in vielfältiger Weise engagieren. Inzwischen wurde ich sogar zum Sprecher der bundesdeutschen homosexuellen Polizeibeamt/Innen gewählt. Eine Aufgabe, die mir nicht nur viel Arbeit, sondern auch ziemlich großes Vergnügen bereitet; auch wenn die Tätigkeiten dieses Amtsinhabers von Hamburg bis München und von Düsseldorf bis Berlin verteilt bewältigt werden müssen. Ende der neunziger Jahre lernte ich (bezeichnenderweise auf einem Italienurlaub) auch meinen ersten Freund kennen, einen Holländer aus Den Haag. Er ist Komponist und vor allem ein wunderbarer Mensch und ich mag ihn heute noch sehr gut leiden, auch wenn wir gelegentlich ziemlich unterschiedlicher Meinung waren. Dennoch haben wir nach zwei schönen Jahren unsere Beziehung beendet; es war vor allem eine Frage der Entfernung und des damit verbundenen Zeitaufwandes; tatsächlich aber auch ein Resultat unserer unterschiedlichen "Lebenserfahrung". Inzwischen bin ich, nach einigen "Experimenten", mit einem dreizehn Jahre jüngeren Partner aus Gelnhausen befreundet (den ich übrigens auf den wöchentlich Treffen des "GayPoint - Stammtisches" kennen gelernt habe) und kann wohl ohne Übertreibung sagen: wunschlos glücklich! Als Ratschlag kann ich nur jedem, und damit komme ich zur oben erwähnten "Abschreckung", der es wissen möchte (und auch denen, die es nicht wissen möchten) raten: versteckt euch nicht! Wenn ihr bemerkt, dass ihr nicht dem "mainstream" folgend auf Partner/Innen des jeweils anderen Geschlechtes steht: bekennt euch (vor allem vor euch selbst) dazu und lebt es! Ich weiß, dass gerade in meiner, aber auch jüngeren Generationen und vor allem auf dem "flachen Lande" noch unheimlich viele Menschen versteckt leben und sogar - mehr oder weniger zum Schein - geheiratet haben oder sich anderweitig "wegducken". Das war früher in vielen Fällen sogar ein lebensnotwendiges "Muss" und gerade politisch oder gesellschaftlich notwendig. Aber auch viele beruflich ambitionierte Menschen hatten meistens gar keine andere Wahl. Doch heute ist das - glücklicherweise - anders geworden! Wenn es vereinzelt auch noch antihomosexuelle Ressentiments gibt: Wir brauchen uns heute nicht mehr zu verstecken und haben auch gar keinen Grund mehr dazu! Ich für meinen Teil kann jedenfalls feststellen, dass ich nach meinem öffentlichen Coming out niemals, weder beruflich noch sonst wo, irgend etwas Negatives erlebt hätte: ganz im Gegenteil! Matthias: Mein ComingOut war nicht so spannend, wie man meinen könnte. Ich habe mich bei meinen Eltern eigentlich nur in einem Streit geoutet, nachdem ich mein Schwulsein drei Jahre verbergen konnte. Beim Abendessen hat mir mein Vater vorgeworfen, dass ich nur im Internet wäre, um Typen zu suchen. Dies verneinte ich, da ich ja genug Leute kenne ;-) Also sagte ich, ich sei schwul und fragte, was sie daran stören würde. Ich glaube die Antwort war für mich überraschender als mein Outing. Meine Mutter und auch mein Vater meinten nämlich, dass sie dies schon lange wüßten bzw. geahnt hätten. Stören tut es heute keinen von beiden. (tl/15.07.02/27.05.04) |
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